Gertrud Scherf: Hundeschau

Hundeschau

© Gertrud Scherf

Getrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten„Haben Sie sich jetzt einen Hund angeschafft? Mei, is der groß!“, rief Frau Pommer, als ich mich auf dem Feldweg ihrem Haus in Pranzling näherte. Sie stand an diesem hellen Spätwinternachmittag im Garten und betrachtete die Frühlingsknotenblumen, die sich zwischen den Schneeresten hervorschoben. Frau Pommer ist alt und etwas sonderlich und darum ging ich auf ihre Frage nicht ein, sondern reichte ihr, mit einer Bemerkung über den nun hoffentlich nahenden Frühling, das Werbeblatt über den Zaun.
„Ich muss weiter“, sagte ich und stieg wieder auf, ehe Frau Pommer mit den bekannten Klagen über die Nachbarin und die Politik beginnen konnte. Erst vor wenigen Wochen war ich mit Rad und voll beladenem Anhänger in der Dunkelheit auf vereistem Weg gestürzt. Außer einem verbogenen Lenker und einer schmerzhaften Prellung hatte der Unfall keine Folgen, aber seither bemühe ich mich, meine Ausfahrt möglichst bei Tageslicht zu beenden.
Auf dem Feldweg neben dem Bach fuhr ich nach Schwöb. Vor wenigen Tagen hatte sich der strenge Frost gemildert, auf den Straßen und Wegen flossen kleine Rinnsale, in den Wiesen und Äckern sammelte sich das Wasser. Verwaist war die nahe Weiherhub in einer Wiese angelegte Eisbahn, auf der sich in den vergangenen Wochen stets Eisstockschützen und Schlittschuhläufer vergnügt hatten. Ich genoss die vorfrühlingshafte Stimmung und fuhr mit Schwung in Schwöb ein. In dem kleinen Weiler war niemand auf der Straße oder im Garten und ich konnte, nachdem ich die Werbeblätter in die Briefkästen gesteckt hatte, weiterfahren nach Ginzing.
Dort, so wusste ich, würde im großen Garten vor dem winzigen Haus Herr Moser sich beschäftigen und auf mich warten. Das tat er eigentlich stets bei schönem Wetter.
„Ah, jetzt haben Sie einen Begleiter auf Ihrer Fahrt. Das ist gut, eine junge Frau, die allein mit dem Rad in einsamer Gegend unterwegs ist …“
Der ältere Herr, der mir gern allerlei aus Vergangenheit und Gegenwart erzählt, vollendete den Satz nicht, denn gerade als er das Werbeblatt entgegennahm, trat Frau Moser vor die Haustür und rief ihren Mann ans Telefon.
Jetzt war ich doch etwas irritiert. Ich schaute mich um, aber da war nur der Fahrradanhänger und darauf die Tasche mit den Werbeblättern. Nun ja, Herr Moser hatte Probleme mit den Augen. Er hatte mir vor Kurzem erzählt, dass er sich im Frühjahr würde operieren lassen. Weiter also. Ich schob meine Fuhre auf dem Gehsteig an der Reihe der Einfamilienhäuser entlang und steckte die Blätter in die am Gartenzaun angebrachten Brief- oder Zeitungskästen. Am Ortsende von Ginzing stieg ich wieder aufs Rad. Eine längere freie Strecke bis Meiering lag vor mir.
Nach einigen Minuten kam mir ein Cabrio entgegen. Es hielt abrupt an, die Fensterscheibe senkte sich. Der Fahrer, ein etwas gestylter Herr mittleren Alters, steckte seinen Kopf heraus und sagte streng und langsam, jedes Wort betonend: „Junge Frau, Sie sollten auf einer Straße, auf der Autos fahren, Ihren Hund nicht frei laufen lassen. Wenn ein Unfall passiert, sind Sie schuld.“
Sprachs, ließ das Fenster wieder hinaufgleiten und fuhr davon. Ich stieg vom Rad und schaute zurück. Da waren die Alleebäume und die Häuser Ginzings. Von etlichen stieg Rauch auf und trotz der Entfernung nahm ich den unangenehmen Verbrennungsgeruch von feuchtem Holz, Briketts und Plastik wahr. Von einem Hund konnte ich weit und breit nichts sehen. Vielleicht hatte der Autofahrer, geblendet durch die schräg einfallenden Sonnenstrahlen, eine auf der Straße herumhüpfende Krähe für einen Hund gehalten? Wie auch immer, ich musste weiterfahren um Meiering, meine letzte Station, vor Beginn der Dämmerung zu erreichen.
Im Ortszentrum gibt es nur wenige Häuser; aber die in den 1970er-Jahren entstandene Siedlung nimmt beim Verteilen der Blätter einige Zeit in Anspruch. Schließlich musste ich nur noch hinunter zum Bach, um den Bewohnern der beiden am Ortsrand gelegenen alten Bauernanwesen das Werbeblatt zu bringen. Beim ersten Haus ist der Briefkasten am Zaun, eine Lösung die mir am liebsten ist. Beim letzten Haus gibt es keinen Zaun, der Briefkasten hängt neben der Haustür. Und vor der stand ein großer schwarzer Hund und schaute mich aus leuchtend gelben Augen an. Vor Hunden fürchte ich mich eigentlich nicht, und deshalb wollte ich einfach weitergehen und das Werbeblatt in den Kasten stecken. Aber der Hund schien zu wachsen. Er zog sogar die Lefzen nach oben und zeigte mir sein Gebiss mit höchst eindrucksvollen Eckzähnen. Wenn er es offenbar so ernst meinte, dann wollte ich mich nicht mit ihm anlegen. Was tun? Ich blieb mitten im Hof stehen und verlegte mich aufs Rufen in der Hoffnung, dass jemand daheim wäre.
Das Grollen kam von oben, nicht vom Hund …

*

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Die vollständige Geschichte finden Sie in dem Buch
Getrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten
Gertrud Scherf
Signaturen
Mysteriöse Geschichten
Dr. Ronald Henss Verlag
Taschenbuch und eBook

 

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Gertrud Scherf, Hundeschau, Hund, mysteriöse Geschichten, Signaturen,

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