Karin Reddemann: Onkel Hartmut kommt

Onkel Hartmut kommt

© Karin Reddemann

Sie hatte mir von ihm erzählt. Während sie besticktes Leinen für meine Großmutter faltete, die seit zwanzig Jahren im Keller die gute Wäsche des Niederflözener Mittelstandes mangelte, trank sie Aufgesetzten, schob mir saure Beeren in den Mund und versuchte, mir Angst zu machen. Mit üblen Geschichten über Onkel Hartmut, die ich grundsätzlich hören wollte und manchmal doch eher nicht, weil er anschließend in der Dunkelheit nach mir griff und mich schwitzen ließ, ohne tatsächlich einen Finger zu krümmen. Die schwarze Laura, mittlerweile schon leicht ergraut, fand wohl Gefallen an meinen weit aufgerissenen Augen, die an ihren dicken Brüsten klebten, ohne dass sie auch nur einen einzigen lausigen Knopf ihres geblümten Kittels jemals gesprengt hätten. Zu meinem Bedauern. Ich war recht frühreif und stellte mir vor, sie sei völlig nackt unter den ausgebleichten Blüten, zumal es dort im Keller heiß war und selbst meine ordentliche Großmutter unter ihrem Schürzenkleid nur einen Unterrock trug. Also lauschte ich, kaute Beeren, die ich nur bedingt vertrug, und starrte zweimal wöchentlich in Lauras Ausschnitt, wo sich winzige Wasserperlen sammelten, um weiter nach unten in die ganze Pracht zu fließen, der ich mit meinen elfeinhalb Jahren eh nicht gewachsen gewesen wäre. „Dein Onkel Hartmut war ein mieser, kleiner Nichtsnutz. Hoffe nur, irgendeine gute Seele hat ihm das Herz herausgerissen. Aber wehe, wenn er wiederkommt. Wehe uns allen.“ Sie spuckte dreimal über die rechte Schulter, nahm einen Schluck und flüsterte „Jessas Maria“, laut genug, dass ich es hörte und mich stets fragte, wer das sein sollte.

Hartmut Spitzweyer, Vaters Bruder. Ich glaubte nicht so recht an ihn. Bis ich meine Großmutter mit durchgeschnittener Kehle und der zerrissenen goldenen Kette vor der Verandatür fand, das Kreuz mit dem Saphir auf die Stirn gedrückt, die sich nie wieder in die vertrauten Falten legen sollte. Und wie ich da so stand und starrte und nicht begriff, dass der fette kalte Leib dieser Frau gehörte, die mir dreißig Minuten zuvor die heiße Milch mit dem verhassten Honig auf die Nachttischkonsole gestellt hatte, blies er mir seinen Atem in den Nacken. Onkel Hartmut, der nie hätte wiederkommen dürfen.

Genau genommen war er irgendwie tot. Nie wieder aufgetaucht nach der Schlägerei, wurde nicht genannt, nicht erwähnt, tauchte schemenhaft auf, um wieder im Nichts zu verschwinden, wenn meine Großmutter die farblosen Augen zusammenkniff, die sie mir vererbt hatte: „Hartmut ist der Teufel.“ Und mein Vater, bescheiden und ruhig, um meiner Mutter zu gefallen, wurde anders, wenn sie das sagte, hockte verkrampft mit flammender Röte im Gesicht auf dem Küchenstuhl neben dem Kachelofen in der Küche, wo er immer saß, beugte sich weit nach vorn, als hätte er einzig dadurch seine Stimme explodieren lassen können, sagte nur: „Ich kenne keinen Hartmut. Nie und niemals wieder.“ …

*

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Der Mann, der vergewaltigt wurde
Der Mann, der vergewaltigt wurde
und andere Geschichten
Dr. Ronald Henss Verlag

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Schlüsselerlebnis, Onkel, Karin Reddemann, Gruselgeschichte,

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