Karin Reddemann: Ganz schnell und doch nicht

Ganz schnell und doch nicht

© Karin Reddemann

antastbar - Die Würde des Menschen ...Ich war in Eile. Mal wieder verschlafen. Putzte mir hektisch die Zähne mit der elektrischen Bürste, machte das in der Küche, weil das Wasser kochte und ich einen Teebeutel hineinwerfen wollte. Gleichzeitig bemalte ich meine Augen mit Kajal, hörte im Hintergrund prinzipiell blödes Frühstücksfernsehen und zwängte mich in einen viel zu engen Rock. Der Hund bellte mich vorwurfsvoll an, wollte partout pinkeln und an mir unverständlichen Dingen da draußen, in der Wildnis, schnüffeln.
Dann klingelte es. Ich dachte: „Welch dreister Depp wagt es, mich jetzt zu stören?“ Dann fiel mir ein, dass es mein geliebter Vater sein könnte, der vermutlich übereifrig Brötchen geholt hatte, ohne an seinen Schlüssel zu denken. Der Tochterinstinkt war stärker als meine Panik, mal wieder zu spät in der Redaktion zu erscheinen. „Naaa … war wohl eine lange Nacht.“ Wenn es denn so gewesen wäre. Schön. War aber nicht so.
Ergo. Ich öffnete. Der zerzuselte Mann, der so richtig lieb vorsichtig durch die halb geöffnete Haustür schielte, wirkte irritiert. Er sah so alt und müde aus. Fragte: „Haben Sie ein bisschen Geld für mich? Bin hungrig, entschuldige mich für die Störung.“
Ich dachte, das hat er nicht verdient, betteln zu müssen, sich dafür zu schämen. Trotzdem war ich streng. „Sie wissen wohl, dass es sich nicht gehört, einfach so bei wildfremden Menschen anzuschellen?“
Er nickte. Senkte den Kopf. Sagte: „Ist schon gut, ich belästige Sie nicht weiter. Bitte nicht böse sein.“
Dieser Satz hat mir fast das Herz gebrochen. Ich gab ihm Geld, mahnte ihn aber: „Nicht für Schnaps!“ Hätte mir eigentlich egal sein können.
Als ich endlich fertig war mit meinen optischen Anziehungspunkten, nachdem auch der Hund sein Pippi und Geschnuppere erledigt hatte, setzte ich mich in meinen ollen Käfer auf den Weg zur Redaktion.
Und ich sah ihn wieder. Er lief stolz, aufrecht und trug eine Bäckertüte. Kuchen? Brot? Ich weiß es nicht.

Diese Geschichte stammt aus dem Buch
antastbar - Die Würde des Menschen ...
antastbar
Die Würde des Menschen
Dr. Ronald Henss Verlag
Taschenbuch und eBook

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Bettler

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