Gertrud Scherf: Maiglöckchen

Maiglöckchen

© Gertrud Scherf

Getrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse GeschichtenMeine Großmutter mochte keine Maiglöckchen. Einmal brachte ich ihr einen Strauß, wollte sie mit den duftenden Blüten überraschen und war verwirrt und gekränkt, als sie sagte: „Bitte, bring sie wieder dahin, wo du sie gepflückt hast.“
Ich versuchte zu widersprechen, aber sie wiederholte ihre Aufforderung in einem scharfen, bei ihr ungewohnten Ton. Verstört ging ich mit den Maiglöckchen zurück in den Wald. Omas Reaktion konnte ich nicht verstehen, denn bisher hatte ich sie nur als liebevolle Pflanzen- und Tierfreundin erlebt. Ich nahm die kleine Vase, die leer vor dem Marienbild an der großen Buche stand, füllte sie am Bach mit Wasser und steckte die Blumen hinein. Hoffentlich würde sich die Muttergottes über die Maiglöckchen freuen. Sicher war ich mir nicht, denn wenn sogar Oma sie ablehnte, musste irgendetwas mit den Pflanzen nicht stimmen.
Daheim schlich ich im Garten herum, wagte auch nicht, Oma nach dem Grund ihrer Ablehnung zu fragen. Sie aber kam zu mir, nahm mich in den Arm und sagte: „Verzeih, dass ich dich enttäuscht habe. Du hast überhaupt nichts falsch gemacht und ich danke dir, dass du mir so schöne Blumen bringen wolltest. Heute Nachmittag, wenn wir unseren Tee trinken, erfährst du, warum ich keine Maiglöckchen mag.“
So saßen wir später in Omas von Bougainvillea und Winden umranktem Gartenpavillon, Fliederduft wehte herein, die Mönchsgrasmücke sang und Oma begann: „Ich habe dir schon ein paar Mal von den Kriegszeiten erzählt. Zwei große Kriege musste ich erleben, den zweiten Weltkrieg und in jungen Jahren den ersten. Im Frühjahr 1914 gab es in unserem Wald Maiglöckchen, bei denen die weißen Blüten innen rote Streifen trugen. Ich erinnere mich gut daran, weil sie so merkwürdig aussahen. Meine Mutter sagte damals, das würde Unglück bedeuten, und wirklich brach ja im Spätsommer der Krieg aus, der so viel Leid gebracht hat. Ich war verlobt, wir wollten bald heiraten. Aber Otto musste in den Krieg und ist gegen Kriegsende in Frankreich gefallen.“
Hinter Omas ruhiger und sachlicher Erzählung spürte ich die Dramatik und eine unauflösbare Trauer, auch wenn ich damals von Krieg, Liebe und Heirat eigentlich nur die Wörter und nicht den Sinn kannte. Da ich nichts zu sagen wusste, stand ich auf und schmiegte mich, wie so oft, an meine Großmutter, spürte ihre Wärme und den vertrauten Duft ihrer Haut. Zum ersten Mal wollte ich nicht von ihr getröstet und gehalten werden, sondern wollte selbst trösten.
Wir sprachen nie mehr über Maiglöckchen und ich habe auch nie mehr welche gepflückt. Im Frühling brachte ich Oma Sträuße von Schlüsselblumen, ich pflückte im Frühsommer himmelblaue Vergissmeinnicht und zum Herbst hin Wiesenflockenblumen, Schafgarben und Skabiosen.
Maiglöckchen als einzige Pflanzen, von denen ich wusste, dass meine Großmutter sie nicht mochte, waren etwas Besonderes, aber ich wollte mit ihnen nichts zu tun haben. Das änderte sich auch nicht, als ich, viel später und eher zufällig, in einem Artikel über die giftig-heilsamen Inhaltsstoffe des Maiglöckchens und den Volksglauben an seine hellsichtig machende Zauberkraft las.
Mehr als zwei Jahrzehnte nach dem lichten, dunkel überschatteten Mai-Nachmittag in Großmutters Pavillon spazierte ich mit David durch einen Frühlingswald. Wir hatten uns an Silvester kennengelernt und rasch ineinander verliebt. Stets aber empfand ich, dass mir die Beziehung mehr bedeutete als ihm. David war Deutsch- und Geschichtslehrer am Gymnasium, und ich bewunderte ihn nicht nur für seine Belesenheit und sein Wissen. Er sah gut aus, war sportlich, selbstbewusst und in Gesellschaft immer sicher auftretend. An diesem strahlend schönen Tag Ende April fühlte ich mich froh, denn David hatte am Abend zuvor erklärt, dass er sich mit der Vorstellung einer gemeinsamen Wohnung anzufreunden beginne.
Wir stellten das Auto auf dem großen Parkplatz ab und gingen auf dem Wiesenweg zum Wald. Manche Buchen hatten ihre hellgrünen Blätter bereits entfaltet, andere trieben gerade aus, am Waldboden vergilbten Anemonen und Scharbockskraut. David erzählte von einem neuen Roman, den er gelesen hatte. Plötzlich ging er ein paar Schritte vom Weg in den Wald, bückte sich und kam mit einem vielblütigen Maiglöckchenstängel zurück.
„Meine Maikönigin“, sagte er, verbeugte sich vor mir und steckte mir den Stängel ins Haar.

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Kurzgeschichte, Gertrud Scherf, mysteriöse Geschichten, Signaturen, Maiglöckchen, Blumen, Pflanzen, Großmutter, Maikönigin

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Patricia Koelle: Flug durch die Zeit

Flug durch die Zeit

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Die Füße der SterneEr war dabei, fünfzig Millionen Jahre und ein Wunder zu stehlen. Jan Pellnitz bohrte seine Faust tief in die Tasche. Trotz seiner Schuhgröße achtunddreißig und der Tatsache, dass die Farbe seines verbliebenen Haarkranzes der sandigen Baugrube entsprach, durch die er stapfte, war er sich sicher, dass sämtliche Augen dieser aufbrausenden Stadt jeden seiner Schritte verfolgten. Er hatte noch nie gestohlen. Seine schlimmste Tat war eine versehentliche Schwarzfahrt bei seinem letzten Besuch in der Hauptstadt. Er gehörte zu denen, die sich als Schüler nicht einmal getraut hatten, einen Spickzettel einzustecken.
„Hier“, hatte sein Bruder Arno gesagt und ihm etwas Sandverschmiertes in die Hand gedrückt. „Das wird dich interessieren. Wir finden eine ganze Menge davon. Niemand hat vorher damit gerechnet, dass die Eiszeit hier unterm Potsdamer Platz Wertsachen abgelagert hat.“
Jan drehte den walnussgroßen Brocken hin und her. Leicht. Da, wo sein Daumen den Sand abgerieben hatte, glänzte es wie Honig.
„Bernstein“, sagte er verblüfft.
„Wir dürfen aber nichts behalten“, erklärte Arno. „Die Funde gehören der Stadt, und die verkauft sie an Leute wie dich.“
Jan war Goldschmied. Er hatte sich allerdings seit seiner Ausbildung nicht mit Bernstein befasst. Damals hatten sie gelernt, dass Bernstein Harz von Nadelbäumen ist, deren Wälder vor vierzig bis fünfzig Millionen Jahren Skandinavien überzogen hatten. Unter Luftabschluss verwandelte sich das heruntergetropfte Harz in Bernstein, während es im Erdboden schlief. Millionen Jahre später trieb es, vom Meer geweckt, an die Strände. Oder war mit den Gletschern gen Süden geschoben worden, offenbar bis Brandenburg.
Jan arbeitete am liebsten mit Silber. Doch dieser unerwartete Brocken zog ihn seltsam an. Schönheit in diesem hässlichen Schlund, in dem ihn Arne, der hier Kranführer war, seit zwei Stunden und dreiundzwanzig Minuten herumführte! Jan hörte schon längst nicht mehr zu. Er folgte Arne und rieb dabei verstohlen den Bernstein an seiner Hose sauber. Dann drehte er ihn im Schutz seiner Armbeuge neugierig hin und her. Und da sah er es. Selbst in dem nachlässigen Licht des Oktobertages glänzten die Flügel der winzigen Mücke, die nahe der Oberfläche im Bernstein eingeschlossen war, silbern wie eine Frühjahrsdämmerung. Die fadendünnen Beine waren im Todeskampf verkrümmt, aber die Flügel weit und glatt ausgebreitet, als wären sie eben noch durch den urzeitlichen Wald gesegelt. Sie hatten nichts von ihrer Zerbrechlichkeit verloren, und dennoch waren sie perfekt erhalten. Jan starrte darauf, bis er bemerkte, dass er das Atmen vergessen hatte. Behutsam holte er Luft, als könne ein Hauch beschädigen, was Millionen Jahre und die schwere Stadt, die auf dem alten Harz gelastet hatte, nicht zerstören konnten.
Um ihn herum brüllten Baumaschinen, doch in dem klaren Brocken war ewiges Schweigen, als wären die Millionen Jahre zu einem einzigen Moment goldgelber Stille verschmolzen. Es tat ihm wohl.
„Kommst du?“, rief Arno. „Diese Verankerung musst du sehen!“
Ehe es ihm bewusst wurde, hatte Jan den Bernstein in seine Hosentasche gesteckt. „Ich komme schon.“
Arno war ein ebenso korrekter Mensch wie Jan. Er hätte den wertvollen Fund abgeliefert. Doch in dem Eifer, seinem Bruder die Baustelle vorzuführen, die ihm ein viel größeres Wunder schien als altes Harz, hatte er den Brocken längst vergessen. Jan versuchte, intelligente Fragen zu den gewaltigen Fundamenten zu stellen und hoffte, dass Arno sich auch später nicht daran erinnern würde.
Als er abends im Zug saß, der ihn zurück in seinen unauffälligen Wohnort zwischen Hauptstadt und Küste brachte, ruhte das außergewöhnliche Stück noch immer in seiner Tasche. Jan schrak jedes Mal zusammen, wenn jemand das Abteil betrat, doch es kam kein Uniformierter um ihn festzunehmen. Er fand sich selbst lächerlich. Ein Bernstein mehr oder weniger, wen interessierte das schon! Es gab andere Funde. Ganze Romane waren über solche Stücke geschrieben worden. Doch nie hätte er sich eines leisten können.
Er konnte das uralte Schimmern, das er heimlich umklammert hielt, beim besten Willen nicht mehr aus der Hand geben.
Zuhause durchforschte er Bücher; lernte, dass man echten Bernstein unter anderem daran erkennt, dass er brennt wie eine Kerze, ohne Asche zu hinterlassen. Den Gedanken fand er unglaublich. Fünfzig Millionen Jahre und ein Wunder – und nicht einmal Asche bliebe übrig!

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Patricia Koelle
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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Patricia Koelle, Bernstein, Fossilien

Karin Reddemann: Ganz schnell und doch nicht

Ganz schnell und doch nicht

© Karin Reddemann

antastbar - Die Würde des Menschen ...Ich war in Eile. Mal wieder verschlafen. Putzte mir hektisch die Zähne mit der elektrischen Bürste, machte das in der Küche, weil das Wasser kochte und ich einen Teebeutel hineinwerfen wollte. Gleichzeitig bemalte ich meine Augen mit Kajal, hörte im Hintergrund prinzipiell blödes Frühstücksfernsehen und zwängte mich in einen viel zu engen Rock. Der Hund bellte mich vorwurfsvoll an, wollte partout pinkeln und an mir unverständlichen Dingen da draußen, in der Wildnis, schnüffeln.
Dann klingelte es. Ich dachte: „Welch dreister Depp wagt es, mich jetzt zu stören?“ Dann fiel mir ein, dass es mein geliebter Vater sein könnte, der vermutlich übereifrig Brötchen geholt hatte, ohne an seinen Schlüssel zu denken. Der Tochterinstinkt war stärker als meine Panik, mal wieder zu spät in der Redaktion zu erscheinen. „Naaa … war wohl eine lange Nacht.“ Wenn es denn so gewesen wäre. Schön. War aber nicht so.
Ergo. Ich öffnete. Der zerzuselte Mann, der so richtig lieb vorsichtig durch die halb geöffnete Haustür schielte, wirkte irritiert. Er sah so alt und müde aus. Fragte: „Haben Sie ein bisschen Geld für mich? Bin hungrig, entschuldige mich für die Störung.“
Ich dachte, das hat er nicht verdient, betteln zu müssen, sich dafür zu schämen. Trotzdem war ich streng. „Sie wissen wohl, dass es sich nicht gehört, einfach so bei wildfremden Menschen anzuschellen?“
Er nickte. Senkte den Kopf. Sagte: „Ist schon gut, ich belästige Sie nicht weiter. Bitte nicht böse sein.“
Dieser Satz hat mir fast das Herz gebrochen. Ich gab ihm Geld, mahnte ihn aber: „Nicht für Schnaps!“ Hätte mir eigentlich egal sein können.
Als ich endlich fertig war mit meinen optischen Anziehungspunkten, nachdem auch der Hund sein Pippi und Geschnuppere erledigt hatte, setzte ich mich in meinen ollen Käfer auf den Weg zur Redaktion.
Und ich sah ihn wieder. Er lief stolz, aufrecht und trug eine Bäckertüte. Kuchen? Brot? Ich weiß es nicht.

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Karin Reddemann, Bettler

Patricia Koelle: Stille Nachbarn

Stille Nachbarn

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Die Füße der SterneElsa Rominger pflügte mit ihrem Gehwagen wie ein zähes Schiff durch Menschenschwärme und das schwellende Brausen des Verkehrs. Sie berührte niemanden dabei und sah doch förmlich die Bugwellen, die sie hinterließ, ohne dass eine Spur blieb. Eine Zeitlang nachdem sie im Frühjahr von dem Doppeldeckerbus gestreift worden war, war ihr der Weg vom Markt bis nach Hause wie eine ungewisse Reise über den Ozean vorgekommen. Nun war er wieder auf seine vertraute Länge geschrumpft und sie benötigte die Gehhilfe nicht mehr. Doch sie hatte sich an die stützende Begleitung gewöhnt, die ihr nicht nur das Gewicht der Einkäufe abnahm wie ein Gentleman, sondern auf die sie sich auch setzen konnte und ausruhen, während um sie herum alles irgendwohin eilte. Triumphierend sah sie einem heulenden Krankenwagen nach, der sie diesmal nicht mitnahm. Dass der Doppeldecker sie damals übersehen hatte, nahm sie dem Fahrer nicht übel. Sie war klein, so klein in dem lärmenden, ebenso funkelnden wie staubigen Überschwang der Stadt.
Wer sich die Mühe machte, sie im Vorübergehen anzuschauen, mochte von der Mädchenhaftigkeit überrascht sein, die wie ein Nachklang auf ihrem Gesicht lag. Ihr silbernes Haar war zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden. Wenn sie die Gehhilfe beiseite stellte, ging sie aufrecht. Sie fühlte sich nicht alt; sie wusste, dass ihr noch jede Menge Tage gehörten. Um ihr Gedächtnis zu trainieren, lernte sie stets den Kinoplan auswendig. Da war sie gerne hingegangen, früher. Jetzt erschien ihr das ganze Leben wie Kino, ein wenig fern.
Sie kam sich gelegentlich vor wie eine Spinne im Netz, die nichts fängt, trotz der Fliegenschwärme um sie herum. Der flache Bungalow, in dem sie ein halbes Leben verbracht hatte, erst mit ihrem Mann, nun schon lange allein, lag mit seinem gleichförmigen Nachbarn wie das Auge eines Sturms geduckt neben einer Hochhaussiedlung. Auf dem Grundstück herrschte Stille. Rundum aber klapperten Briefträger, brummten Lastwagen, riefen Schulkinder, dröhnten Rettungshubschrauber, keuchten Marathonläufer durch klatschendes Publikum, krächzten die Lautsprecheransagen vom S-Bahnhof herüber. Zwischen den Hochhäusern sprangen die Echos umher wie Bälle bei einem Tennisspiel, an dem sie nicht teilnahm: Geräusche anderer Leben, Töne, die sie nicht selbst hervorgerufen hatte und die daher auch nicht zu ihr zurückkehrten. Sie konnte sie nicht auffangen, nicht halten. An Sommerabenden saß sie auf der Terrasse und lauschte den Stimmen, die nicht für sie waren, stellte sich vor, sie kämen nicht vom Parkplatz und fremden Balkons, sondern von jenseits des Zaunes, an dem blauäugig die Trichterwinde blühte und die Leere auf dem unbewohnten Grundstück nebenan verdeckte.
Das Haus nebenan gehörte der Kirche. Früher einmal hatte der Pfarrer darin gewohnt, irgendwann war nur noch ein selten gebrauchtes Büro darin und zuletzt eine Eltern-Kind-Gruppe, die nur am Mittwochvormittag stattfand und gelegentlich ein helles Lachen und das Quietschen der alten Schaukel über den Zaun warf. Doch in die Kirche ging kaum noch jemand; die Menschen glaubten inzwischen an anderes. Die Gemeinden wurden zusammengelegt und das Haus nicht mehr gebraucht.
Nun nisteten die Geräusche der Stadt in dem leeren Gebäude wie die Fledermäuse unterm Dach, um dann nachts davonzufliegen und dunkle Stille zu hinterlassen.
Am Ende nahm Elsa das Haus gar nicht mehr wahr. Bis auf heute, als sie ihren Gehwagen mit der Einkaufstüte und der Zeitung darauf um die Ecke schob und ihr das Schild auffiel. „Zu verkaufen!“, stand am Zaun und noch einmal an der Tür. Das scheuchte ihre Gedanken so durcheinander, dass sie die neue Seife in den Kühlschrank räumte und die frische Butter ins Badezimmer.
Würde sie tatsächlich Nachbarn bekommen?

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Patricia Koelle, Nachbarn,

Christian Heynk: Scharlachroter Honigesser

Scharlachroter Honigesser

© Christian Heynk

Friedrich war schon immer ein Fischnarr gewesen. Schon zur Schulzeit war er nach dem Ertönen der Glocke nicht nach Hause gelaufen, sondern an den nahe gelegenen Weiher, wo er im Gestrüpp seine selbstgebastelte Angelrute versteckt hatte. Er fing Fische, er kaufte sich von dem wenigen Taschengeld, das er bekam, Bücher über Fische, und leider roch er manchmal auch nach Fisch. Wenn ich mich mit ihm traf, musste ich mir immer seine Geschichten über exotische Fische in fremden Gewässern anhören, Geschichten über Quastenflosser, Ohrensardinen und Papageifische. Noch Jahre später fand ich es manchmal ermüdend, wenn ich mich mit ihm auf ein oder zwei Bier verabredete, und er endlos über die zahlreichen Arten der Angelruten fachsimpelte, oder die Unzulänglichkeiten bestimmter Angelhakenmarken anprangerte. Oder wenn er immer und immer wieder die Geschichte von dem kapitalen Hecht erzählte, den er einmal, vor über zwanzig Jahren, in einem Flussarm der Mosel gefangen hatte. Wenn ich dann versuchte, ihn auf ein anderes Thema zu bringen, lächelte er und sagte: „Du hast ja Recht, Gregor, ich rede zu viel über Fische. Aber glaub mir, sobald ich mir so einen schönen Flussbarsch gefangen habe, werde ich mich zufrieden zurücklehnen und wissen, dass ich im Angelsport alles erreicht habe, was man nur erreichen kann.“ Flussbarsche, das wusste ich schon, gelten unter Anglern als selten und gewitzt, was sie besonders begehrenswert macht. Der Fang eines Flussbarsches muss so etwas wie die Krönung eines jeden Anglerlebens sein. Durch die repetitiven Fischgespräche wusste ich auch, dass Friedrich Stichlinge als Köder für seine Angelhaken benutzte, dass diese jedoch in letzter Zeit so teuer geworden waren, dass er wieder künstliche Köder verwendete.

Auch bei ihm zu Hause musste man nicht lange überlegen, was wohl Friedrichs Leidenschaft sein könnte. Über die ganze Wohnung verteilt hingen unzählige Poster von Fischarten an den Wänden. In seinem Wohnzimmer hatte er ein 2 mal 2 Meter großes Poster von einem vor Gibraltar photographierten Flughahn, der wirklich bizarr aussah. Friedrich hatte mir erklärt, dass dieser Fisch den lieben langen Tag nichts weiter tut, als über dem sandigen Meeresboden zu schweben, und dass er, obwohl man ihn Flughahn nennt, und obwohl er flügelartige Brustflossen hat, nicht wirklich fliegen kann. Auch in der Küche, in der wir uns eines Abends mit zwei Flaschen Wein betrunken hatten, hing ein gerahmtes Bild von einem unwirklich aussehenden Fisch. Als wir beide schon recht angeheitert waren, war Friedrich plötzlich aufgestanden, hatte auf das Bild gezeigt und mir stolz verkündet, dass dies ein Lungenfisch sei, der an die Wasseroberfläche steigen muss, um atmen zu können. Um meinem Gastgeber zu gefallen, heuchelte ich ein wenig Interesse, was Friedrich zum Anlass nahm, mir einen halbstündigen Vortrag über diese Fischart zu halten und mich mit den blödesten Details und dem ausuferndsten Hintergrundwissen zu füttern. Irgendwann plumpste er dann besoffen auf seinen Stuhl zurück, legte seinen Kopf auf die Tischplatte und schlief ein. Da ich Alkohol schon immer besser vertragen hatte als er, schaffte ich es, ihm unter die Schultern zu greifen und ihn in sein Schlafzimmer zu transportieren. Als ich die Tür zu seinem Zimmer aufstieß, glaubte ich zu träumen. Das riesige Bett war von einem Vorhang aus Fischnetzen umgeben und die Bettdecke sowie der Kissenbezug zeigten ein Fischmotiv, einen Schwarm Heringe, die sich im Schein der durch die Oberfläche brechenden Lichtstrahlen synchron fortbewegten.

Als ich an diesem Abend nach Hause ging, wurde mir klar, dass ich nie das ganze Ausmaß seiner Vernarrtheit verstanden hatte, dass Fische für Friedrich nicht nur ein Zeitvertreib, ein Hobby oder eine Leidenschaft waren, sondern eine sein Leben bestimmende Obsession. Nie, dachte ich, werde ich so eine Obsession nachvollziehen können …

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Der Mann, der vergewaltigt wurde
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Kurzgeschichte, Schlüsselerlebnis, Christian Heynk, Scharlachroter Honigesser, Hogisesser, Fische, Vögel

Karin Reddemann: Onkel Hartmut kommt

Onkel Hartmut kommt

© Karin Reddemann

Sie hatte mir von ihm erzählt. Während sie besticktes Leinen für meine Großmutter faltete, die seit zwanzig Jahren im Keller die gute Wäsche des Niederflözener Mittelstandes mangelte, trank sie Aufgesetzten, schob mir saure Beeren in den Mund und versuchte, mir Angst zu machen. Mit üblen Geschichten über Onkel Hartmut, die ich grundsätzlich hören wollte und manchmal doch eher nicht, weil er anschließend in der Dunkelheit nach mir griff und mich schwitzen ließ, ohne tatsächlich einen Finger zu krümmen. Die schwarze Laura, mittlerweile schon leicht ergraut, fand wohl Gefallen an meinen weit aufgerissenen Augen, die an ihren dicken Brüsten klebten, ohne dass sie auch nur einen einzigen lausigen Knopf ihres geblümten Kittels jemals gesprengt hätten. Zu meinem Bedauern. Ich war recht frühreif und stellte mir vor, sie sei völlig nackt unter den ausgebleichten Blüten, zumal es dort im Keller heiß war und selbst meine ordentliche Großmutter unter ihrem Schürzenkleid nur einen Unterrock trug. Also lauschte ich, kaute Beeren, die ich nur bedingt vertrug, und starrte zweimal wöchentlich in Lauras Ausschnitt, wo sich winzige Wasserperlen sammelten, um weiter nach unten in die ganze Pracht zu fließen, der ich mit meinen elfeinhalb Jahren eh nicht gewachsen gewesen wäre. „Dein Onkel Hartmut war ein mieser, kleiner Nichtsnutz. Hoffe nur, irgendeine gute Seele hat ihm das Herz herausgerissen. Aber wehe, wenn er wiederkommt. Wehe uns allen.“ Sie spuckte dreimal über die rechte Schulter, nahm einen Schluck und flüsterte „Jessas Maria“, laut genug, dass ich es hörte und mich stets fragte, wer das sein sollte.

Hartmut Spitzweyer, Vaters Bruder. Ich glaubte nicht so recht an ihn. Bis ich meine Großmutter mit durchgeschnittener Kehle und der zerrissenen goldenen Kette vor der Verandatür fand, das Kreuz mit dem Saphir auf die Stirn gedrückt, die sich nie wieder in die vertrauten Falten legen sollte. Und wie ich da so stand und starrte und nicht begriff, dass der fette kalte Leib dieser Frau gehörte, die mir dreißig Minuten zuvor die heiße Milch mit dem verhassten Honig auf die Nachttischkonsole gestellt hatte, blies er mir seinen Atem in den Nacken. Onkel Hartmut, der nie hätte wiederkommen dürfen.

Genau genommen war er irgendwie tot. Nie wieder aufgetaucht nach der Schlägerei, wurde nicht genannt, nicht erwähnt, tauchte schemenhaft auf, um wieder im Nichts zu verschwinden, wenn meine Großmutter die farblosen Augen zusammenkniff, die sie mir vererbt hatte: „Hartmut ist der Teufel.“ Und mein Vater, bescheiden und ruhig, um meiner Mutter zu gefallen, wurde anders, wenn sie das sagte, hockte verkrampft mit flammender Röte im Gesicht auf dem Küchenstuhl neben dem Kachelofen in der Küche, wo er immer saß, beugte sich weit nach vorn, als hätte er einzig dadurch seine Stimme explodieren lassen können, sagte nur: „Ich kenne keinen Hartmut. Nie und niemals wieder.“ …

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Kurzgeschichte, Schlüsselerlebnis, Onkel, Karin Reddemann, Gruselgeschichte,

Susanne Weinhart: Metamorphosen

Metamorphosen

© Susanne Weinhart

Schlüsselerlebnisse KurzgeschichtenEine Freundin aus der Schulzeit hatte es mir erzählt oder besser: enthüllt, zwischen dem Selbstmordversuch ihres Schwiegervaters im Altersheim im Juni und dem Roggenanteil ihres Käsebrotes; ich hätte es sonst nicht gewusst, und wahrscheinlich wäre ich nie wieder in das, was sich gemeinhin sein Leben nannte, gegangen. Das war noch nie ein guter Ort gewesen, an gute Orte zog es mich nicht hin, und der Weg in gute Orte war viel zu gut beleuchtet. Robert, der autarke Stadtstaat oder ein schlecht beleuchtetes Ortsschild in einem beschlagenen Rückspiegel, bei ihm hatte ich den Genitiv nach „wegen“ gelernt und wie man sich das Leben künstlich schwer machen kann. Am deutlichsten erinnerte ich mich daran, dass er bei schlechtem Wetter keine Kontoauszüge holte, manchmal wochenlang nicht, weil er steif und fest behauptete, bei Regen sei „immer weniger auf dem Konto als man denkt“ und auf mein Kopfschütteln mit seinem Standardsatz reagierte, ich solle aus meinem Denken endlich die Gedankenstriche streichen. Ich nahm mir dann gnadenlos meine Interpunktion vor und strich alles, bis auf einen Punkt. Den Schlusspunkt.

„Warum?“, fragte die Frau am Kiosk, als die ersten Narzissen blühten. „Er sah so sympathisch aus.“

„Wegen DES schlechten Wetters.“

„Warum?“, fragte meine Schwester. „Er war doch Anwalt in Grünwald.“

„Wegen DES schlechten Wetters.“

„Warum?“, fragte mein Vater. „Sein Vater ist mit mir nach Ostpreußen eingerückt.“

„Wegen DES schlechten Wetters.“

Aber auch in der vorwurfsreichen Nachbetrachtung mochte ich ihn noch leiden, bedenklicherweise, er war immer konsequent gewesen, nicht nur bei der Verwendung des Genitivs und bei der Einteilung in von Wetter begünstigte und unbegünstigte Kontoauszugstage, nein, grundsätzlich. Er wusste sehr genau, was er wollte und was nicht, was er heute tun würde und was nicht, er brauchte keinen fremden Applaus und war mit Logik nicht zu verstehen. Und er hatte die besondere Gabe, mich innerhalb von Sekunden todunglücklich zu machen. Das konnten nicht viele.

Neun Jahre später war ich zu früh dran.

Die wenigen, die den Weg an diesem kalten Dezembertag in die schneeüberzuckerte Michaelskapelle im niederbayerischen Ort O. gefunden hatten, hüllten sich in ihre ausgewaschenen pastelligen Anoraks und lang geübtes Schweigen, starrten so wissend auf das so kontrastreich-farbenfrohe Jüngste Gericht unter der Kuppel, als wären sie gerade von dort mit Bewährung und ein paar Stunden Schneeschippen vor dem Leichenhaus entlassen worden, und ließen in ihrer Jackentasche aggressiv das verspätete Adveniatopfer klimpern. Vielleicht hatte vorher etwas Falsches auf dem Tisch gestanden, die falsche Butter, das falsche Brot, gereicht von der falschen Frau, oder das Knie, das echte, schmerzte, oder ihr Fußballverein, der FC Sturm O., hatte es mal wieder vergeigt, so was hatte ja meistens ganz banale Ursachen. Es waren fast nur Männer, die ich sah, ihre Frauen gingen wahrscheinlich am Sonntag mit den Kindern in die Kirche, oder sie hatten, gerade oder lebenslang, freiwillig, unfreiwillig oder nach einer verlorenen Wette mit dem Nachbarn, keine Frau. Die letzte, etwas abgesetzte Reihe, quasi der Kirchenstammtisch, füllte sich zusehends, zwei ältere Frauen klagten laut über ihr Rheuma in den Fingern, man vermisste die Rosi, die einen Schlaganfall erlitten hatte und noch auf Reha war. Die Stimmen trugen weit. Laudaten machten die Runde, jemand würde also singen, oder zumindest so tun als ob, oder man brauchte Sichtschutz vor dem Pfarrer. Ich saß auch in einer der hinteren Reihen und gab mich meinem Unglaubenscrescendo und der Vorfreude hin, das musste ich zugeben. Ich freute mich, obwohl ich genau wusste, wie es mir hinterher gehen würde. Der lange, rotbärtige Mesner, der neben einer an der Wand angelehnten Bratsche nahezu magersüchtig wirkte und dessen weißer Umhang bestimmt drei Handbreit zu kurz über den Fliesen schwebte, bedachte mich von der geschmückten Kanzel aus mit einem minutenlangen skeptischen Blick (eine Neue, wer ist das, was macht sie beruflich, wie viel kann sie spenden, könnte sie die Sakristeitür aufbrechen, etc.).

Es war einer dieser sonderbar betäubenden Tage nach den kirchenfüllenden Weihnachtsfeiertagen, es war die Stimmung einer Kneipe kurz vor dem Schließen mit ein paar suizidgefährdeten, einsamen Säufern, die Cocktailkirschen für Erdkugeln halten.

Irgendwo fiel eine Laudate auf den Marmor – „Das ist ein Zeichen“, wisperte eine Frau hektisch und deutete Richtung Kuppel.

Allein die Fahrt nach O. war schlichtweg bedrückend gewesen, es ging über Dörfer über Dörfer über Dörfer, die alle öd, transsilvanisch und verlassen wirkten und außer ihrem Namen kaum zu unterscheiden waren. In einem Dorfgasthof hatte ich schnell eine Leberknödelsuppe hinuntergeschlungen, mir schräg gegenüber war nur ein Schachspieler gesessen, der auf Gesellschaft bzw. einen Gegenspieler wartete. Ich spielte kauend ein paar Züge, nur damit ich nicht so angestarrt wurde. Kurz vor O. war schließlich mein rechter Vorderreifen geplatzt, ich musste ihn bei dichtem Schneegestöber wechseln und fluchte wie ein Kutscher. Unter meinen Fingernägeln saß noch schwarze, ölige Schmiere, die nicht wegzubekommen war.

Schweigen, Räuspern, schweigendräuspernde Blicke.

„Das war ein Zeichen“, hörte ich wispern. Ich drehte mich vorsichtig um, wieder dieser Zeigefinger nach oben.

Ich fragte mich, wie er jetzt wohl aussah … Insgeheim erwartete ich immer drastische Änderungen wie plus/minus 25 Kilo oder ein drittes Ohr. Ob ich seine Stimme wieder erkannte, ich konnte mich an sie nicht erinnern, konnte sie nicht in mir herbeirufen, nicht mal, wenn ich Wegen-Sätze konstruierte. Der Robert, Robert Meigader, Meigader mit e-i. Er hatte am Morgen immer dunkelgraue Flecken auf den Fingern und am Hemdsärmel gehabt von den Wirtschaftsteilen aus drei abonnierten Tageszeitungen, ich weiß noch, dass zu Beginn unserer Beziehung mein Gesicht in der Früh nach seinem Aufbruch in die Kanzlei oft aussah wie kurz mal in den offenen Kamin gefallen. Seine Mutter hatte mir bei den wenigen Besuchen in Bad Kohlgrub Berge von Apfelstrudel vorgesetzt und sogar einen ihrer geliebt-glitschigen Molche nach mir benannt. Wahrscheinlich hatte Robert den dann auf Nachfragen der Mutter bezüglich meiner Person statt einer Antwort verschluckt wie Kevin Kline die Goldfische in „Ein Fisch namens Wanda“. Nur damit er weg war, versteht sich, der Molch und mein Name. Sandra und Wanda – das klingt verdammt ähnlich.

Ein Zeichen, musste ich grinsen.

Ein paar Frauen kamen herein, etwa fünf bis acht Jahre älter als ich und viel zu elegant für eine Samstagabendmesse. Sie kicherten wie Teenager beim Landschulheimaufenthalt, zupften an ihren hinbetonierten Haaren herum und verrenkten sich die Köpfe. Ein feindseliger Blick traf mich von einer blonden Frau mit einem johannisbeerroten Blazer. Ich verstand. Ich war also Konkurrenz, sie hatten sich wegen Robert so aufgeruscht. Ich musste lächeln. Kampf um den Pfarrer. Eine andere stöckelte mit einem Berg Laudaten heran und verteilte sie in der ersten Reihe wie Speisekarten. Wieder wurde ich angestarrt. Ich tat so, als würde ich meinen Schlüssel suchen und wühlte in sämtlichen verfügbaren Taschen herum, bis auch wirklich jeder Gegenstand geraschelt oder geklimpert hatte. Robert musste also ganz gut hier bei seiner weiblichen Pfarrgemeinde ankommen, vielleicht machte er lebendiges Bibellesen oder mitternächtliche Beichtabnahmen; ärgerte mich das? Na ja … egal war etwas anderes.

Langsam füllte sich die lauschige Kapelle, vor mir nahmen zum Glück so viele Leute Platz, dass man mich von vorne nicht mehr sehen konnte. Neben mich setzte sich eine Großfamilie im Trachtengewand mit einem schreienden Kind, das erleichterte mich geradezu, wenigstens ein bisschen unverfälschtes Leben hier.

Von irgendwoher gongte es, im Zweifelsfall aus der Sakristei, alle standen in militärischer Eile auf und intonierten „Von guten Mächten still und treu geborgen“, aus der ersten Reihe kam eine Art Jaulen, ich versuchte einen Blick auf Robert zu erhaschen, sah zufällig zur Seite und fuhr zusammen. Robert schritt in einem grünen Talar von hinten nach vorne durch den breiten Mittelgang in Richtung Altar, flankiert von zwei hobbitgroßen Ministranten, ich sah nur ein Stück vom Profil und seinen Hinterkopf. Ganz dichte dunkelbraune Haare, immer noch. Als er sich am Altar umdrehte, setzte zeitgleich die Orgel und mein Herzschlag aus. Er sah immer noch aus wie George Clooney auf einem Faschingsball. Er lächelte salbungsvoll, wobei er dramatisch beide Arme spitzwinklig in die scheinbar zentnerschwere Kapellenluft schob. Robert war und blieb ein Verteidiger, jetzt verteidigte er den römisch-katholischen Glauben, ein Mandat für die Ewigkeit sozusagen, Massivmöbel für die läuterungswillige Seele. „Liebe Gemeinde“ – auf diese Worte setzte sich alles schlagartig hin, ich kam gar nicht so schnell mit, weil ich Roberts Stimme zu analysieren versuchte, vor allem das Wort „Liebe“ – „ich darf Sie herzlich“ – er drückte seine Hand in die linke Brustgegend (was für ein Schauspieler, dachte ich) – „zu diesem Gottesdienst willkommen heißen, zum Festgottesdienst der heiligen Familie an diesem Samstag nach den Weihnachtsfeiertagen“. Was er im Anschluss daran sagte, bekam ich nicht mit, weil das Kind schrie, es wurde vorne eine rote Nummer eingeblendet, jeder raschelte hektisch in der Laudate herum und schmetterte „Kyrie eleison“. Robert sang mit, laut, hell und gut verständlich, man hörte ihm gerne zu, und er meisterte den Kanon mit Bravour, obwohl in der ersten Reihe vokalisch alles drunter und drüber ging. Das Lied war zu Ende, Robert setzte sich, und die blonde Frau mit dem Feuerblazer stakste mit großer Gebärde über die drei Treppen dem Mikrofon einer Art Rednerpult entgegen. Sie zog aus einem unteren Fach des Pultes eine dicke Bibel hervor, schlug sie an einer wohl vorher markierten Stelle auf, drehte den Kopf zu Robert, der nickte göttlich, und die Wangen der Lady in Red begannen zu glühen (mir fiel schlagartig das Lied „Alle Knospen springen auf, fangen an zu blühen“ ein, das wir in der Kommunionsvorbereitungsgruppe oft gesungen hatten). „Lesung aus dem Evangelium nach Lukas: Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passahfest. Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem und seine Eltern wussten’s nicht“ – sie hielt inne und warf einen Blick in die Kirchenrunde wie ein Bundeskanzler im Plenum, der gleich einen Reaktorunfall bekannt geben muss, Robert starrte versunken in eine vor ihm züngelnde rote Kerze. Sie fuhr fort, mein Blick wanderte suchend weiter zum Hochaltar, hinter dem ein kunstvolles Dreieck aus leuchtenden Christbäumen drapiert worden war, die vielen Lichter sahen an den Rändern meiner Kontaktlinsen funkelnden Tigeraugen ähnlich, mit einem roten Punkt in der Mitte. All das kam mir so fremd vor in Verbindung mit dem Mann im grünen Talar. Robert hatte Weihnachten früher gehasst und war regelmäßig nach Seefeld zum Skifahren abgehauen. „Bloß kein Glitzerklimbim.“ In Seefeld hatte er sogar das zimmereigene Plastikbäumchen auf den Flur geschoben, zum Ärger des Putzpersonals, die mit ihren Wägen nie an den mit leicht zerbrechlichen Kugeln behangenen Zweigen vorbeimanövrieren konnten. Robert hatte sich trotzdem durchgesetzt oder den Baum einfach in den Lift gestellt und auf >ERDGESCHOSS< gedrückt.

"Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen. Aus dem Evangelium unseres Herrn Jesus Christus."

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Schlüsselerlebnisse Kurzgeschichten
Plötzlich sah die Welt ganz anders aus
Schlüsselerlebnisse
Dr. Ronald Henss Verlag
Taschenbuch und eBook

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Kurzgeschichte, Schlüsselerlebnis, Susanne Weinhart, Metamorphose, Priester, Gott, Kirche, Pfarrer, Laudate, Evangelium, Erzählung

Gertrud Scherf: Hundeschau

Hundeschau

© Gertrud Scherf

Getrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten„Haben Sie sich jetzt einen Hund angeschafft? Mei, is der groß!“, rief Frau Pommer, als ich mich auf dem Feldweg ihrem Haus in Pranzling näherte. Sie stand an diesem hellen Spätwinternachmittag im Garten und betrachtete die Frühlingsknotenblumen, die sich zwischen den Schneeresten hervorschoben. Frau Pommer ist alt und etwas sonderlich und darum ging ich auf ihre Frage nicht ein, sondern reichte ihr, mit einer Bemerkung über den nun hoffentlich nahenden Frühling, das Werbeblatt über den Zaun.
„Ich muss weiter“, sagte ich und stieg wieder auf, ehe Frau Pommer mit den bekannten Klagen über die Nachbarin und die Politik beginnen konnte. Erst vor wenigen Wochen war ich mit Rad und voll beladenem Anhänger in der Dunkelheit auf vereistem Weg gestürzt. Außer einem verbogenen Lenker und einer schmerzhaften Prellung hatte der Unfall keine Folgen, aber seither bemühe ich mich, meine Ausfahrt möglichst bei Tageslicht zu beenden.
Auf dem Feldweg neben dem Bach fuhr ich nach Schwöb. Vor wenigen Tagen hatte sich der strenge Frost gemildert, auf den Straßen und Wegen flossen kleine Rinnsale, in den Wiesen und Äckern sammelte sich das Wasser. Verwaist war die nahe Weiherhub in einer Wiese angelegte Eisbahn, auf der sich in den vergangenen Wochen stets Eisstockschützen und Schlittschuhläufer vergnügt hatten. Ich genoss die vorfrühlingshafte Stimmung und fuhr mit Schwung in Schwöb ein. In dem kleinen Weiler war niemand auf der Straße oder im Garten und ich konnte, nachdem ich die Werbeblätter in die Briefkästen gesteckt hatte, weiterfahren nach Ginzing.
Dort, so wusste ich, würde im großen Garten vor dem winzigen Haus Herr Moser sich beschäftigen und auf mich warten. Das tat er eigentlich stets bei schönem Wetter.
„Ah, jetzt haben Sie einen Begleiter auf Ihrer Fahrt. Das ist gut, eine junge Frau, die allein mit dem Rad in einsamer Gegend unterwegs ist …“
Der ältere Herr, der mir gern allerlei aus Vergangenheit und Gegenwart erzählt, vollendete den Satz nicht, denn gerade als er das Werbeblatt entgegennahm, trat Frau Moser vor die Haustür und rief ihren Mann ans Telefon.
Jetzt war ich doch etwas irritiert. Ich schaute mich um, aber da war nur der Fahrradanhänger und darauf die Tasche mit den Werbeblättern. Nun ja, Herr Moser hatte Probleme mit den Augen. Er hatte mir vor Kurzem erzählt, dass er sich im Frühjahr würde operieren lassen. Weiter also. Ich schob meine Fuhre auf dem Gehsteig an der Reihe der Einfamilienhäuser entlang und steckte die Blätter in die am Gartenzaun angebrachten Brief- oder Zeitungskästen. Am Ortsende von Ginzing stieg ich wieder aufs Rad. Eine längere freie Strecke bis Meiering lag vor mir.
Nach einigen Minuten kam mir ein Cabrio entgegen. Es hielt abrupt an, die Fensterscheibe senkte sich. Der Fahrer, ein etwas gestylter Herr mittleren Alters, steckte seinen Kopf heraus und sagte streng und langsam, jedes Wort betonend: „Junge Frau, Sie sollten auf einer Straße, auf der Autos fahren, Ihren Hund nicht frei laufen lassen. Wenn ein Unfall passiert, sind Sie schuld.“
Sprachs, ließ das Fenster wieder hinaufgleiten und fuhr davon. Ich stieg vom Rad und schaute zurück. Da waren die Alleebäume und die Häuser Ginzings. Von etlichen stieg Rauch auf und trotz der Entfernung nahm ich den unangenehmen Verbrennungsgeruch von feuchtem Holz, Briketts und Plastik wahr. Von einem Hund konnte ich weit und breit nichts sehen. Vielleicht hatte der Autofahrer, geblendet durch die schräg einfallenden Sonnenstrahlen, eine auf der Straße herumhüpfende Krähe für einen Hund gehalten? Wie auch immer, ich musste weiterfahren um Meiering, meine letzte Station, vor Beginn der Dämmerung zu erreichen.
Im Ortszentrum gibt es nur wenige Häuser; aber die in den 1970er-Jahren entstandene Siedlung nimmt beim Verteilen der Blätter einige Zeit in Anspruch. Schließlich musste ich nur noch hinunter zum Bach, um den Bewohnern der beiden am Ortsrand gelegenen alten Bauernanwesen das Werbeblatt zu bringen. Beim ersten Haus ist der Briefkasten am Zaun, eine Lösung die mir am liebsten ist. Beim letzten Haus gibt es keinen Zaun, der Briefkasten hängt neben der Haustür. Und vor der stand ein großer schwarzer Hund und schaute mich aus leuchtend gelben Augen an. Vor Hunden fürchte ich mich eigentlich nicht, und deshalb wollte ich einfach weitergehen und das Werbeblatt in den Kasten stecken. Aber der Hund schien zu wachsen. Er zog sogar die Lefzen nach oben und zeigte mir sein Gebiss mit höchst eindrucksvollen Eckzähnen. Wenn er es offenbar so ernst meinte, dann wollte ich mich nicht mit ihm anlegen. Was tun? Ich blieb mitten im Hof stehen und verlegte mich aufs Rufen in der Hoffnung, dass jemand daheim wäre.
Das Grollen kam von oben, nicht vom Hund …

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Kurzgeschichte, Gertrud Scherf, Hundeschau, Hund, mysteriöse Geschichten, Signaturen,

Patricia Koelle: Sommersilber

Sommersilber

© Patricia Koelle

In einem ungewöhnlich warmen Winter lernten wir uns kennen. Zuerst nahmen wir in den dunklen, kurzen Tagen kaum mehr voneinander wahr als unsere nassen Schuhabdrücke im Flur. Seine wirkten doppelt so groß wie meine und verschluckten sie gnadenlos.

Der Frühling schlich sich an und mit ihm das Erstaunen darüber, dass wir inzwischen zusammen arbeiteten als ginge das seit Jahren so, wortlos und eingespielt. Er schnitt morgens die Brötchen für die Heimbewohner auf, ich belegte sie mit Salami und Schweizer Käse. Er servierte den alten Leuten die Tabletts auf die Zimmer, ich machte solange ihre Betten. Er wechselte freundliche Worte mit ihnen, ich setzte das Gespräch nahtlos fort, wenn er schon aus der Tür war.

Als die Meisen im Nest vor dem Personalzimmerfenster flügge wurden, vermisste ich Laurin zum ersten Mal, als er frei hatte. Ein andermal sprach er mich an: „Wenn du keinen Dienst hast, macht mir die Arbeit weniger Freude als sonst.“

Ich mochte an ihm, dass er auch nach Feierabend nicht nach Hause eilte, sondern noch die kaputte Leselampe von Frau Ammeyer reparierte, damit sie nicht auf das tägliche Kapitel in ihrem Krimi verzichten musste. Dass er seinen großen, muffigen Hund mitbrachte, damit Herr Singer mit ihm spazieren gehen konnte. Herr Singer, dessen Worte einem Schlaganfall zum Opfer gefallen waren, war niemals glücklicher, als wenn er mit Merlin losziehen durfte. Laurin folgte ihm mit Abstand, damit nichts schief ging. Wir begannen, diese Spaziergänge in unsere Mittagspause zu legen, damit ich ihn begleiten konnte.

So brachen wir in den langen, feuchten Sommer auf: Herr Singer mit seinem glücklich verwunderten Lächeln und Merlin, weit dahinter Laurin und ich. Da wir stets nur eine Stunde hatten, umkreisten wir immer denselben See im Stadtpark, der doch jedes Mal neu aussah. Irgendwann hatten wir entdeckt, dass wir dieselben Bücher lasen. Wir diskutierten leidenschaftlich über Hermann Hesse und moderne amerikanische Literatur, während vor uns Merlin mit heraushängender Zunge Herrn Singer und sein glückliches Lächeln zwischen Kindergruppen und Bikinimädchen hindurchmanövrierte. Laurin hielt meine Hand fest mit seiner linken und gestikulierte so heftig und ausholend mit der rechten, als könne er ganze Länder und Jahrhunderte heraufbeschwören, die alle uns gehörten, für diese Stunde, diesen Mittag, diesen Krümel Leben.

Laurin war um einiges größer als ich. Wenn ich ihn ansehen wollte, musste ich den Kopf in den Nacken legen, und so traf mein Blick außer in seine Augen auch immer gleichzeitig den Himmel. Immer noch schwebt, wenn ich an Regentagen im Sommer nach oben sehe, sein schmales Gesicht mit den feinen mausbraunen Haaren, den unterschiedlich schiefen Brauen und den waldhonigfarbenen Augen einen Atemzug lang vor den Wolken.

Manchmal kaufte er uns Erdbeereis. Dann saßen wir einträchtig auf einem nassen Baumstamm und schmeckten alten Kinderträumen nach, während der Nieselregen kleines Silber auf unser Haar sprühte: Herr Singer mit Merlin zu seinen Füßen; ich an Laurins Schulter gelehnt, als wäre es für immer.

Wir überlegten einmal, ins Kino zu gehen wie andere auch, aber unsere Liebe war in Räumen nicht zuhause. So trafen wir uns vor Frühdienstbeginn, parkten Merlin, dessen zotteliges Fell wir kaum wieder trocken bekommen hätten, verbotenerweise in Herrn Singers Zimmer und gingen schwimmen. Wenn die Regentropfen auf die flachen Wellen trafen, stellte ich mir vor, die Worte, die wir uns zuwarfen, verursachten die sich ausbreitenden Ringe. Zwischen den Schwänen wirkte Laurins Lachen, als triebe es auf der Wasseroberfläche. Um seine Größe beraubt, schien er plötzlich nahe. Wenn ich heute Schwäne sehe, glaube ich immer noch, dieses Lachen durch das neblige Morgenlicht zu hören, wie es über den See springt, einem flachen Kiesel gleich.

Doch unter der Oberfläche war das Wasser so tief, dass ich nicht darin stehen konnte. Ich musste schwimmen, konnte nicht anhalten, und so hielten auch die Tage nicht an, egal, wie sehr ich mich mühte. Der Sommer verschwand unmerklich um eine Ecke, die ich erst sah, als ich davor stand. Wir hatten alle Pusteblumen verbraucht, die im Park wuchsen. An ihrer Stelle lagen reife Kastanien schwer im Gras. Laurin hob eine auf, überzeugte sich davon, dass kein Kratzer und kein Fleck ihren waldhonigfarbenen Glanz störten und legte sie behutsam in meine Hand. „Ich habe endlich meinen Studienplatz bekommen“, sagte er. „Meine Kündigung habe ich vorhin bei der Heimleiterin abgegeben.“

Es war kein Geheimnis gewesen, dass er auf diesen Studienplatz in einer Stadt am anderen Ende des Landes gewartet hatte, schon bevor er mich kannte, und dass ihn weder eine Liebe noch eine Katastrophe davon abhalten würde, ihn anzutreten. Nur war für mich diese Tatsache mit jedem Erdbeereis unwirklicher geworden.

„Kommst du mit?“, fragte er und sah zu mir herunter. Der Herbsthimmel wog grau über ihm als wäre bereits wieder Winter.

Ich beerdigte die Kastanie in meiner Tasche und schüttelte nur den Kopf. Das hatten wir alles schon besprochen, als der Sommer noch neu war. Der Herbst änderte nichts. Meine Wege, Menschen, Träume, Fragen, alles lebte in dieser Stadt. Die Erinnerung an Laurin kam nun noch hinzu.

Eine Woche später war er fort. Merlin blieb da, beim Hausmeister; Laurin konnte ihn nicht mitnehmen. Im November starb Herr Singer. In den Mittagspausen ging ich allein mit Merlin um den See. Wir gingen andersherum als früher, wie um alten Bildern zu begegnen, die wir sonst nicht hätten einholen können. Vor uns tobte der Wind goldene Blätter über den Weg und warf sie in den See, wo sie langsam zwischen den Schwänen ertranken. Hinter uns stempelten sich die Abdrücke meiner Schuhe in den Schlamm. Wenn wir den See umrundet hatten und an den Anfang zurückkehrten, sah ich, dass inzwischen Füße, fast doppelt so groß wie meine, die Spuren gnadenlos verschluckt hatten.

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