Gertrud Scherf: Maiglöckchen

Maiglöckchen

© Gertrud Scherf

Getrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse GeschichtenMeine Großmutter mochte keine Maiglöckchen. Einmal brachte ich ihr einen Strauß, wollte sie mit den duftenden Blüten überraschen und war verwirrt und gekränkt, als sie sagte: „Bitte, bring sie wieder dahin, wo du sie gepflückt hast.“
Ich versuchte zu widersprechen, aber sie wiederholte ihre Aufforderung in einem scharfen, bei ihr ungewohnten Ton. Verstört ging ich mit den Maiglöckchen zurück in den Wald. Omas Reaktion konnte ich nicht verstehen, denn bisher hatte ich sie nur als liebevolle Pflanzen- und Tierfreundin erlebt. Ich nahm die kleine Vase, die leer vor dem Marienbild an der großen Buche stand, füllte sie am Bach mit Wasser und steckte die Blumen hinein. Hoffentlich würde sich die Muttergottes über die Maiglöckchen freuen. Sicher war ich mir nicht, denn wenn sogar Oma sie ablehnte, musste irgendetwas mit den Pflanzen nicht stimmen.
Daheim schlich ich im Garten herum, wagte auch nicht, Oma nach dem Grund ihrer Ablehnung zu fragen. Sie aber kam zu mir, nahm mich in den Arm und sagte: „Verzeih, dass ich dich enttäuscht habe. Du hast überhaupt nichts falsch gemacht und ich danke dir, dass du mir so schöne Blumen bringen wolltest. Heute Nachmittag, wenn wir unseren Tee trinken, erfährst du, warum ich keine Maiglöckchen mag.“
So saßen wir später in Omas von Bougainvillea und Winden umranktem Gartenpavillon, Fliederduft wehte herein, die Mönchsgrasmücke sang und Oma begann: „Ich habe dir schon ein paar Mal von den Kriegszeiten erzählt. Zwei große Kriege musste ich erleben, den zweiten Weltkrieg und in jungen Jahren den ersten. Im Frühjahr 1914 gab es in unserem Wald Maiglöckchen, bei denen die weißen Blüten innen rote Streifen trugen. Ich erinnere mich gut daran, weil sie so merkwürdig aussahen. Meine Mutter sagte damals, das würde Unglück bedeuten, und wirklich brach ja im Spätsommer der Krieg aus, der so viel Leid gebracht hat. Ich war verlobt, wir wollten bald heiraten. Aber Otto musste in den Krieg und ist gegen Kriegsende in Frankreich gefallen.“
Hinter Omas ruhiger und sachlicher Erzählung spürte ich die Dramatik und eine unauflösbare Trauer, auch wenn ich damals von Krieg, Liebe und Heirat eigentlich nur die Wörter und nicht den Sinn kannte. Da ich nichts zu sagen wusste, stand ich auf und schmiegte mich, wie so oft, an meine Großmutter, spürte ihre Wärme und den vertrauten Duft ihrer Haut. Zum ersten Mal wollte ich nicht von ihr getröstet und gehalten werden, sondern wollte selbst trösten.
Wir sprachen nie mehr über Maiglöckchen und ich habe auch nie mehr welche gepflückt. Im Frühling brachte ich Oma Sträuße von Schlüsselblumen, ich pflückte im Frühsommer himmelblaue Vergissmeinnicht und zum Herbst hin Wiesenflockenblumen, Schafgarben und Skabiosen.
Maiglöckchen als einzige Pflanzen, von denen ich wusste, dass meine Großmutter sie nicht mochte, waren etwas Besonderes, aber ich wollte mit ihnen nichts zu tun haben. Das änderte sich auch nicht, als ich, viel später und eher zufällig, in einem Artikel über die giftig-heilsamen Inhaltsstoffe des Maiglöckchens und den Volksglauben an seine hellsichtig machende Zauberkraft las.
Mehr als zwei Jahrzehnte nach dem lichten, dunkel überschatteten Mai-Nachmittag in Großmutters Pavillon spazierte ich mit David durch einen Frühlingswald. Wir hatten uns an Silvester kennengelernt und rasch ineinander verliebt. Stets aber empfand ich, dass mir die Beziehung mehr bedeutete als ihm. David war Deutsch- und Geschichtslehrer am Gymnasium, und ich bewunderte ihn nicht nur für seine Belesenheit und sein Wissen. Er sah gut aus, war sportlich, selbstbewusst und in Gesellschaft immer sicher auftretend. An diesem strahlend schönen Tag Ende April fühlte ich mich froh, denn David hatte am Abend zuvor erklärt, dass er sich mit der Vorstellung einer gemeinsamen Wohnung anzufreunden beginne.
Wir stellten das Auto auf dem großen Parkplatz ab und gingen auf dem Wiesenweg zum Wald. Manche Buchen hatten ihre hellgrünen Blätter bereits entfaltet, andere trieben gerade aus, am Waldboden vergilbten Anemonen und Scharbockskraut. David erzählte von einem neuen Roman, den er gelesen hatte. Plötzlich ging er ein paar Schritte vom Weg in den Wald, bückte sich und kam mit einem vielblütigen Maiglöckchenstängel zurück.
„Meine Maikönigin“, sagte er, verbeugte sich vor mir und steckte mir den Stängel ins Haar.

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Getrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten
Gertrud Scherf
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Mysteriöse Geschichten
Dr. Ronald Henss Verlag
Taschenbuch und eBook

 

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Gertrud Scherf: Hundeschau

Hundeschau

© Gertrud Scherf

Getrud Scherf: Signaturen. Mysteriöse Geschichten„Haben Sie sich jetzt einen Hund angeschafft? Mei, is der groß!“, rief Frau Pommer, als ich mich auf dem Feldweg ihrem Haus in Pranzling näherte. Sie stand an diesem hellen Spätwinternachmittag im Garten und betrachtete die Frühlingsknotenblumen, die sich zwischen den Schneeresten hervorschoben. Frau Pommer ist alt und etwas sonderlich und darum ging ich auf ihre Frage nicht ein, sondern reichte ihr, mit einer Bemerkung über den nun hoffentlich nahenden Frühling, das Werbeblatt über den Zaun.
„Ich muss weiter“, sagte ich und stieg wieder auf, ehe Frau Pommer mit den bekannten Klagen über die Nachbarin und die Politik beginnen konnte. Erst vor wenigen Wochen war ich mit Rad und voll beladenem Anhänger in der Dunkelheit auf vereistem Weg gestürzt. Außer einem verbogenen Lenker und einer schmerzhaften Prellung hatte der Unfall keine Folgen, aber seither bemühe ich mich, meine Ausfahrt möglichst bei Tageslicht zu beenden.
Auf dem Feldweg neben dem Bach fuhr ich nach Schwöb. Vor wenigen Tagen hatte sich der strenge Frost gemildert, auf den Straßen und Wegen flossen kleine Rinnsale, in den Wiesen und Äckern sammelte sich das Wasser. Verwaist war die nahe Weiherhub in einer Wiese angelegte Eisbahn, auf der sich in den vergangenen Wochen stets Eisstockschützen und Schlittschuhläufer vergnügt hatten. Ich genoss die vorfrühlingshafte Stimmung und fuhr mit Schwung in Schwöb ein. In dem kleinen Weiler war niemand auf der Straße oder im Garten und ich konnte, nachdem ich die Werbeblätter in die Briefkästen gesteckt hatte, weiterfahren nach Ginzing.
Dort, so wusste ich, würde im großen Garten vor dem winzigen Haus Herr Moser sich beschäftigen und auf mich warten. Das tat er eigentlich stets bei schönem Wetter.
„Ah, jetzt haben Sie einen Begleiter auf Ihrer Fahrt. Das ist gut, eine junge Frau, die allein mit dem Rad in einsamer Gegend unterwegs ist …“
Der ältere Herr, der mir gern allerlei aus Vergangenheit und Gegenwart erzählt, vollendete den Satz nicht, denn gerade als er das Werbeblatt entgegennahm, trat Frau Moser vor die Haustür und rief ihren Mann ans Telefon.
Jetzt war ich doch etwas irritiert. Ich schaute mich um, aber da war nur der Fahrradanhänger und darauf die Tasche mit den Werbeblättern. Nun ja, Herr Moser hatte Probleme mit den Augen. Er hatte mir vor Kurzem erzählt, dass er sich im Frühjahr würde operieren lassen. Weiter also. Ich schob meine Fuhre auf dem Gehsteig an der Reihe der Einfamilienhäuser entlang und steckte die Blätter in die am Gartenzaun angebrachten Brief- oder Zeitungskästen. Am Ortsende von Ginzing stieg ich wieder aufs Rad. Eine längere freie Strecke bis Meiering lag vor mir.
Nach einigen Minuten kam mir ein Cabrio entgegen. Es hielt abrupt an, die Fensterscheibe senkte sich. Der Fahrer, ein etwas gestylter Herr mittleren Alters, steckte seinen Kopf heraus und sagte streng und langsam, jedes Wort betonend: „Junge Frau, Sie sollten auf einer Straße, auf der Autos fahren, Ihren Hund nicht frei laufen lassen. Wenn ein Unfall passiert, sind Sie schuld.“
Sprachs, ließ das Fenster wieder hinaufgleiten und fuhr davon. Ich stieg vom Rad und schaute zurück. Da waren die Alleebäume und die Häuser Ginzings. Von etlichen stieg Rauch auf und trotz der Entfernung nahm ich den unangenehmen Verbrennungsgeruch von feuchtem Holz, Briketts und Plastik wahr. Von einem Hund konnte ich weit und breit nichts sehen. Vielleicht hatte der Autofahrer, geblendet durch die schräg einfallenden Sonnenstrahlen, eine auf der Straße herumhüpfende Krähe für einen Hund gehalten? Wie auch immer, ich musste weiterfahren um Meiering, meine letzte Station, vor Beginn der Dämmerung zu erreichen.
Im Ortszentrum gibt es nur wenige Häuser; aber die in den 1970er-Jahren entstandene Siedlung nimmt beim Verteilen der Blätter einige Zeit in Anspruch. Schließlich musste ich nur noch hinunter zum Bach, um den Bewohnern der beiden am Ortsrand gelegenen alten Bauernanwesen das Werbeblatt zu bringen. Beim ersten Haus ist der Briefkasten am Zaun, eine Lösung die mir am liebsten ist. Beim letzten Haus gibt es keinen Zaun, der Briefkasten hängt neben der Haustür. Und vor der stand ein großer schwarzer Hund und schaute mich aus leuchtend gelben Augen an. Vor Hunden fürchte ich mich eigentlich nicht, und deshalb wollte ich einfach weitergehen und das Werbeblatt in den Kasten stecken. Aber der Hund schien zu wachsen. Er zog sogar die Lefzen nach oben und zeigte mir sein Gebiss mit höchst eindrucksvollen Eckzähnen. Wenn er es offenbar so ernst meinte, dann wollte ich mich nicht mit ihm anlegen. Was tun? Ich blieb mitten im Hof stehen und verlegte mich aufs Rufen in der Hoffnung, dass jemand daheim wäre.
Das Grollen kam von oben, nicht vom Hund …

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Gertrud Scherf
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