Patricia Koelle: Stille Nachbarn

Stille Nachbarn

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Die Füße der SterneElsa Rominger pflügte mit ihrem Gehwagen wie ein zähes Schiff durch Menschenschwärme und das schwellende Brausen des Verkehrs. Sie berührte niemanden dabei und sah doch förmlich die Bugwellen, die sie hinterließ, ohne dass eine Spur blieb. Eine Zeitlang nachdem sie im Frühjahr von dem Doppeldeckerbus gestreift worden war, war ihr der Weg vom Markt bis nach Hause wie eine ungewisse Reise über den Ozean vorgekommen. Nun war er wieder auf seine vertraute Länge geschrumpft und sie benötigte die Gehhilfe nicht mehr. Doch sie hatte sich an die stützende Begleitung gewöhnt, die ihr nicht nur das Gewicht der Einkäufe abnahm wie ein Gentleman, sondern auf die sie sich auch setzen konnte und ausruhen, während um sie herum alles irgendwohin eilte. Triumphierend sah sie einem heulenden Krankenwagen nach, der sie diesmal nicht mitnahm. Dass der Doppeldecker sie damals übersehen hatte, nahm sie dem Fahrer nicht übel. Sie war klein, so klein in dem lärmenden, ebenso funkelnden wie staubigen Überschwang der Stadt.
Wer sich die Mühe machte, sie im Vorübergehen anzuschauen, mochte von der Mädchenhaftigkeit überrascht sein, die wie ein Nachklang auf ihrem Gesicht lag. Ihr silbernes Haar war zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden. Wenn sie die Gehhilfe beiseite stellte, ging sie aufrecht. Sie fühlte sich nicht alt; sie wusste, dass ihr noch jede Menge Tage gehörten. Um ihr Gedächtnis zu trainieren, lernte sie stets den Kinoplan auswendig. Da war sie gerne hingegangen, früher. Jetzt erschien ihr das ganze Leben wie Kino, ein wenig fern.
Sie kam sich gelegentlich vor wie eine Spinne im Netz, die nichts fängt, trotz der Fliegenschwärme um sie herum. Der flache Bungalow, in dem sie ein halbes Leben verbracht hatte, erst mit ihrem Mann, nun schon lange allein, lag mit seinem gleichförmigen Nachbarn wie das Auge eines Sturms geduckt neben einer Hochhaussiedlung. Auf dem Grundstück herrschte Stille. Rundum aber klapperten Briefträger, brummten Lastwagen, riefen Schulkinder, dröhnten Rettungshubschrauber, keuchten Marathonläufer durch klatschendes Publikum, krächzten die Lautsprecheransagen vom S-Bahnhof herüber. Zwischen den Hochhäusern sprangen die Echos umher wie Bälle bei einem Tennisspiel, an dem sie nicht teilnahm: Geräusche anderer Leben, Töne, die sie nicht selbst hervorgerufen hatte und die daher auch nicht zu ihr zurückkehrten. Sie konnte sie nicht auffangen, nicht halten. An Sommerabenden saß sie auf der Terrasse und lauschte den Stimmen, die nicht für sie waren, stellte sich vor, sie kämen nicht vom Parkplatz und fremden Balkons, sondern von jenseits des Zaunes, an dem blauäugig die Trichterwinde blühte und die Leere auf dem unbewohnten Grundstück nebenan verdeckte.
Das Haus nebenan gehörte der Kirche. Früher einmal hatte der Pfarrer darin gewohnt, irgendwann war nur noch ein selten gebrauchtes Büro darin und zuletzt eine Eltern-Kind-Gruppe, die nur am Mittwochvormittag stattfand und gelegentlich ein helles Lachen und das Quietschen der alten Schaukel über den Zaun warf. Doch in die Kirche ging kaum noch jemand; die Menschen glaubten inzwischen an anderes. Die Gemeinden wurden zusammengelegt und das Haus nicht mehr gebraucht.
Nun nisteten die Geräusche der Stadt in dem leeren Gebäude wie die Fledermäuse unterm Dach, um dann nachts davonzufliegen und dunkle Stille zu hinterlassen.
Am Ende nahm Elsa das Haus gar nicht mehr wahr. Bis auf heute, als sie ihren Gehwagen mit der Einkaufstüte und der Zeitung darauf um die Ecke schob und ihr das Schild auffiel. „Zu verkaufen!“, stand am Zaun und noch einmal an der Tür. Das scheuchte ihre Gedanken so durcheinander, dass sie die neue Seife in den Kühlschrank räumte und die frische Butter ins Badezimmer.
Würde sie tatsächlich Nachbarn bekommen?

*

Sie möchten wissen, wie es weitergeht?
Die vollständige Geschichte finden Sie in diesem Buch
Patricia Koelle: Die Füße der Sterne
Patricia Koelle
Die Füße der Sterne
Dr. Ronald Henss Verlag

***
Stichwörter:
Kurzgeschichte, Patricia Koelle, Nachbarn,

Advertisements