Patricia Koelle: Flug durch die Zeit

Flug durch die Zeit

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Die Füße der SterneEr war dabei, fünfzig Millionen Jahre und ein Wunder zu stehlen. Jan Pellnitz bohrte seine Faust tief in die Tasche. Trotz seiner Schuhgröße achtunddreißig und der Tatsache, dass die Farbe seines verbliebenen Haarkranzes der sandigen Baugrube entsprach, durch die er stapfte, war er sich sicher, dass sämtliche Augen dieser aufbrausenden Stadt jeden seiner Schritte verfolgten. Er hatte noch nie gestohlen. Seine schlimmste Tat war eine versehentliche Schwarzfahrt bei seinem letzten Besuch in der Hauptstadt. Er gehörte zu denen, die sich als Schüler nicht einmal getraut hatten, einen Spickzettel einzustecken.
„Hier“, hatte sein Bruder Arno gesagt und ihm etwas Sandverschmiertes in die Hand gedrückt. „Das wird dich interessieren. Wir finden eine ganze Menge davon. Niemand hat vorher damit gerechnet, dass die Eiszeit hier unterm Potsdamer Platz Wertsachen abgelagert hat.“
Jan drehte den walnussgroßen Brocken hin und her. Leicht. Da, wo sein Daumen den Sand abgerieben hatte, glänzte es wie Honig.
„Bernstein“, sagte er verblüfft.
„Wir dürfen aber nichts behalten“, erklärte Arno. „Die Funde gehören der Stadt, und die verkauft sie an Leute wie dich.“
Jan war Goldschmied. Er hatte sich allerdings seit seiner Ausbildung nicht mit Bernstein befasst. Damals hatten sie gelernt, dass Bernstein Harz von Nadelbäumen ist, deren Wälder vor vierzig bis fünfzig Millionen Jahren Skandinavien überzogen hatten. Unter Luftabschluss verwandelte sich das heruntergetropfte Harz in Bernstein, während es im Erdboden schlief. Millionen Jahre später trieb es, vom Meer geweckt, an die Strände. Oder war mit den Gletschern gen Süden geschoben worden, offenbar bis Brandenburg.
Jan arbeitete am liebsten mit Silber. Doch dieser unerwartete Brocken zog ihn seltsam an. Schönheit in diesem hässlichen Schlund, in dem ihn Arne, der hier Kranführer war, seit zwei Stunden und dreiundzwanzig Minuten herumführte! Jan hörte schon längst nicht mehr zu. Er folgte Arne und rieb dabei verstohlen den Bernstein an seiner Hose sauber. Dann drehte er ihn im Schutz seiner Armbeuge neugierig hin und her. Und da sah er es. Selbst in dem nachlässigen Licht des Oktobertages glänzten die Flügel der winzigen Mücke, die nahe der Oberfläche im Bernstein eingeschlossen war, silbern wie eine Frühjahrsdämmerung. Die fadendünnen Beine waren im Todeskampf verkrümmt, aber die Flügel weit und glatt ausgebreitet, als wären sie eben noch durch den urzeitlichen Wald gesegelt. Sie hatten nichts von ihrer Zerbrechlichkeit verloren, und dennoch waren sie perfekt erhalten. Jan starrte darauf, bis er bemerkte, dass er das Atmen vergessen hatte. Behutsam holte er Luft, als könne ein Hauch beschädigen, was Millionen Jahre und die schwere Stadt, die auf dem alten Harz gelastet hatte, nicht zerstören konnten.
Um ihn herum brüllten Baumaschinen, doch in dem klaren Brocken war ewiges Schweigen, als wären die Millionen Jahre zu einem einzigen Moment goldgelber Stille verschmolzen. Es tat ihm wohl.
„Kommst du?“, rief Arno. „Diese Verankerung musst du sehen!“
Ehe es ihm bewusst wurde, hatte Jan den Bernstein in seine Hosentasche gesteckt. „Ich komme schon.“
Arno war ein ebenso korrekter Mensch wie Jan. Er hätte den wertvollen Fund abgeliefert. Doch in dem Eifer, seinem Bruder die Baustelle vorzuführen, die ihm ein viel größeres Wunder schien als altes Harz, hatte er den Brocken längst vergessen. Jan versuchte, intelligente Fragen zu den gewaltigen Fundamenten zu stellen und hoffte, dass Arno sich auch später nicht daran erinnern würde.
Als er abends im Zug saß, der ihn zurück in seinen unauffälligen Wohnort zwischen Hauptstadt und Küste brachte, ruhte das außergewöhnliche Stück noch immer in seiner Tasche. Jan schrak jedes Mal zusammen, wenn jemand das Abteil betrat, doch es kam kein Uniformierter um ihn festzunehmen. Er fand sich selbst lächerlich. Ein Bernstein mehr oder weniger, wen interessierte das schon! Es gab andere Funde. Ganze Romane waren über solche Stücke geschrieben worden. Doch nie hätte er sich eines leisten können.
Er konnte das uralte Schimmern, das er heimlich umklammert hielt, beim besten Willen nicht mehr aus der Hand geben.
Zuhause durchforschte er Bücher; lernte, dass man echten Bernstein unter anderem daran erkennt, dass er brennt wie eine Kerze, ohne Asche zu hinterlassen. Den Gedanken fand er unglaublich. Fünfzig Millionen Jahre und ein Wunder – und nicht einmal Asche bliebe übrig!

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Patricia Koelle: Die Füße der Sterne
Patricia Koelle
Die Füße der Sterne
Dr. Ronald Henss Verlag

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Patricia Koelle, Bernstein, Fossilien

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Patricia Koelle: Stille Nachbarn

Stille Nachbarn

© Patricia Koelle

Patricia Koelle: Die Füße der SterneElsa Rominger pflügte mit ihrem Gehwagen wie ein zähes Schiff durch Menschenschwärme und das schwellende Brausen des Verkehrs. Sie berührte niemanden dabei und sah doch förmlich die Bugwellen, die sie hinterließ, ohne dass eine Spur blieb. Eine Zeitlang nachdem sie im Frühjahr von dem Doppeldeckerbus gestreift worden war, war ihr der Weg vom Markt bis nach Hause wie eine ungewisse Reise über den Ozean vorgekommen. Nun war er wieder auf seine vertraute Länge geschrumpft und sie benötigte die Gehhilfe nicht mehr. Doch sie hatte sich an die stützende Begleitung gewöhnt, die ihr nicht nur das Gewicht der Einkäufe abnahm wie ein Gentleman, sondern auf die sie sich auch setzen konnte und ausruhen, während um sie herum alles irgendwohin eilte. Triumphierend sah sie einem heulenden Krankenwagen nach, der sie diesmal nicht mitnahm. Dass der Doppeldecker sie damals übersehen hatte, nahm sie dem Fahrer nicht übel. Sie war klein, so klein in dem lärmenden, ebenso funkelnden wie staubigen Überschwang der Stadt.
Wer sich die Mühe machte, sie im Vorübergehen anzuschauen, mochte von der Mädchenhaftigkeit überrascht sein, die wie ein Nachklang auf ihrem Gesicht lag. Ihr silbernes Haar war zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden. Wenn sie die Gehhilfe beiseite stellte, ging sie aufrecht. Sie fühlte sich nicht alt; sie wusste, dass ihr noch jede Menge Tage gehörten. Um ihr Gedächtnis zu trainieren, lernte sie stets den Kinoplan auswendig. Da war sie gerne hingegangen, früher. Jetzt erschien ihr das ganze Leben wie Kino, ein wenig fern.
Sie kam sich gelegentlich vor wie eine Spinne im Netz, die nichts fängt, trotz der Fliegenschwärme um sie herum. Der flache Bungalow, in dem sie ein halbes Leben verbracht hatte, erst mit ihrem Mann, nun schon lange allein, lag mit seinem gleichförmigen Nachbarn wie das Auge eines Sturms geduckt neben einer Hochhaussiedlung. Auf dem Grundstück herrschte Stille. Rundum aber klapperten Briefträger, brummten Lastwagen, riefen Schulkinder, dröhnten Rettungshubschrauber, keuchten Marathonläufer durch klatschendes Publikum, krächzten die Lautsprecheransagen vom S-Bahnhof herüber. Zwischen den Hochhäusern sprangen die Echos umher wie Bälle bei einem Tennisspiel, an dem sie nicht teilnahm: Geräusche anderer Leben, Töne, die sie nicht selbst hervorgerufen hatte und die daher auch nicht zu ihr zurückkehrten. Sie konnte sie nicht auffangen, nicht halten. An Sommerabenden saß sie auf der Terrasse und lauschte den Stimmen, die nicht für sie waren, stellte sich vor, sie kämen nicht vom Parkplatz und fremden Balkons, sondern von jenseits des Zaunes, an dem blauäugig die Trichterwinde blühte und die Leere auf dem unbewohnten Grundstück nebenan verdeckte.
Das Haus nebenan gehörte der Kirche. Früher einmal hatte der Pfarrer darin gewohnt, irgendwann war nur noch ein selten gebrauchtes Büro darin und zuletzt eine Eltern-Kind-Gruppe, die nur am Mittwochvormittag stattfand und gelegentlich ein helles Lachen und das Quietschen der alten Schaukel über den Zaun warf. Doch in die Kirche ging kaum noch jemand; die Menschen glaubten inzwischen an anderes. Die Gemeinden wurden zusammengelegt und das Haus nicht mehr gebraucht.
Nun nisteten die Geräusche der Stadt in dem leeren Gebäude wie die Fledermäuse unterm Dach, um dann nachts davonzufliegen und dunkle Stille zu hinterlassen.
Am Ende nahm Elsa das Haus gar nicht mehr wahr. Bis auf heute, als sie ihren Gehwagen mit der Einkaufstüte und der Zeitung darauf um die Ecke schob und ihr das Schild auffiel. „Zu verkaufen!“, stand am Zaun und noch einmal an der Tür. Das scheuchte ihre Gedanken so durcheinander, dass sie die neue Seife in den Kühlschrank räumte und die frische Butter ins Badezimmer.
Würde sie tatsächlich Nachbarn bekommen?

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Patricia Koelle: Die Füße der Sterne
Patricia Koelle
Die Füße der Sterne
Dr. Ronald Henss Verlag

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Patricia Koelle, Nachbarn,

Patricia Koelle: Sommersilber

Sommersilber

© Patricia Koelle

In einem ungewöhnlich warmen Winter lernten wir uns kennen. Zuerst nahmen wir in den dunklen, kurzen Tagen kaum mehr voneinander wahr als unsere nassen Schuhabdrücke im Flur. Seine wirkten doppelt so groß wie meine und verschluckten sie gnadenlos.

Der Frühling schlich sich an und mit ihm das Erstaunen darüber, dass wir inzwischen zusammen arbeiteten als ginge das seit Jahren so, wortlos und eingespielt. Er schnitt morgens die Brötchen für die Heimbewohner auf, ich belegte sie mit Salami und Schweizer Käse. Er servierte den alten Leuten die Tabletts auf die Zimmer, ich machte solange ihre Betten. Er wechselte freundliche Worte mit ihnen, ich setzte das Gespräch nahtlos fort, wenn er schon aus der Tür war.

Als die Meisen im Nest vor dem Personalzimmerfenster flügge wurden, vermisste ich Laurin zum ersten Mal, als er frei hatte. Ein andermal sprach er mich an: „Wenn du keinen Dienst hast, macht mir die Arbeit weniger Freude als sonst.“

Ich mochte an ihm, dass er auch nach Feierabend nicht nach Hause eilte, sondern noch die kaputte Leselampe von Frau Ammeyer reparierte, damit sie nicht auf das tägliche Kapitel in ihrem Krimi verzichten musste. Dass er seinen großen, muffigen Hund mitbrachte, damit Herr Singer mit ihm spazieren gehen konnte. Herr Singer, dessen Worte einem Schlaganfall zum Opfer gefallen waren, war niemals glücklicher, als wenn er mit Merlin losziehen durfte. Laurin folgte ihm mit Abstand, damit nichts schief ging. Wir begannen, diese Spaziergänge in unsere Mittagspause zu legen, damit ich ihn begleiten konnte.

So brachen wir in den langen, feuchten Sommer auf: Herr Singer mit seinem glücklich verwunderten Lächeln und Merlin, weit dahinter Laurin und ich. Da wir stets nur eine Stunde hatten, umkreisten wir immer denselben See im Stadtpark, der doch jedes Mal neu aussah. Irgendwann hatten wir entdeckt, dass wir dieselben Bücher lasen. Wir diskutierten leidenschaftlich über Hermann Hesse und moderne amerikanische Literatur, während vor uns Merlin mit heraushängender Zunge Herrn Singer und sein glückliches Lächeln zwischen Kindergruppen und Bikinimädchen hindurchmanövrierte. Laurin hielt meine Hand fest mit seiner linken und gestikulierte so heftig und ausholend mit der rechten, als könne er ganze Länder und Jahrhunderte heraufbeschwören, die alle uns gehörten, für diese Stunde, diesen Mittag, diesen Krümel Leben.

Laurin war um einiges größer als ich. Wenn ich ihn ansehen wollte, musste ich den Kopf in den Nacken legen, und so traf mein Blick außer in seine Augen auch immer gleichzeitig den Himmel. Immer noch schwebt, wenn ich an Regentagen im Sommer nach oben sehe, sein schmales Gesicht mit den feinen mausbraunen Haaren, den unterschiedlich schiefen Brauen und den waldhonigfarbenen Augen einen Atemzug lang vor den Wolken.

Manchmal kaufte er uns Erdbeereis. Dann saßen wir einträchtig auf einem nassen Baumstamm und schmeckten alten Kinderträumen nach, während der Nieselregen kleines Silber auf unser Haar sprühte: Herr Singer mit Merlin zu seinen Füßen; ich an Laurins Schulter gelehnt, als wäre es für immer.

Wir überlegten einmal, ins Kino zu gehen wie andere auch, aber unsere Liebe war in Räumen nicht zuhause. So trafen wir uns vor Frühdienstbeginn, parkten Merlin, dessen zotteliges Fell wir kaum wieder trocken bekommen hätten, verbotenerweise in Herrn Singers Zimmer und gingen schwimmen. Wenn die Regentropfen auf die flachen Wellen trafen, stellte ich mir vor, die Worte, die wir uns zuwarfen, verursachten die sich ausbreitenden Ringe. Zwischen den Schwänen wirkte Laurins Lachen, als triebe es auf der Wasseroberfläche. Um seine Größe beraubt, schien er plötzlich nahe. Wenn ich heute Schwäne sehe, glaube ich immer noch, dieses Lachen durch das neblige Morgenlicht zu hören, wie es über den See springt, einem flachen Kiesel gleich.

Doch unter der Oberfläche war das Wasser so tief, dass ich nicht darin stehen konnte. Ich musste schwimmen, konnte nicht anhalten, und so hielten auch die Tage nicht an, egal, wie sehr ich mich mühte. Der Sommer verschwand unmerklich um eine Ecke, die ich erst sah, als ich davor stand. Wir hatten alle Pusteblumen verbraucht, die im Park wuchsen. An ihrer Stelle lagen reife Kastanien schwer im Gras. Laurin hob eine auf, überzeugte sich davon, dass kein Kratzer und kein Fleck ihren waldhonigfarbenen Glanz störten und legte sie behutsam in meine Hand. „Ich habe endlich meinen Studienplatz bekommen“, sagte er. „Meine Kündigung habe ich vorhin bei der Heimleiterin abgegeben.“

Es war kein Geheimnis gewesen, dass er auf diesen Studienplatz in einer Stadt am anderen Ende des Landes gewartet hatte, schon bevor er mich kannte, und dass ihn weder eine Liebe noch eine Katastrophe davon abhalten würde, ihn anzutreten. Nur war für mich diese Tatsache mit jedem Erdbeereis unwirklicher geworden.

„Kommst du mit?“, fragte er und sah zu mir herunter. Der Herbsthimmel wog grau über ihm als wäre bereits wieder Winter.

Ich beerdigte die Kastanie in meiner Tasche und schüttelte nur den Kopf. Das hatten wir alles schon besprochen, als der Sommer noch neu war. Der Herbst änderte nichts. Meine Wege, Menschen, Träume, Fragen, alles lebte in dieser Stadt. Die Erinnerung an Laurin kam nun noch hinzu.

Eine Woche später war er fort. Merlin blieb da, beim Hausmeister; Laurin konnte ihn nicht mitnehmen. Im November starb Herr Singer. In den Mittagspausen ging ich allein mit Merlin um den See. Wir gingen andersherum als früher, wie um alten Bildern zu begegnen, die wir sonst nicht hätten einholen können. Vor uns tobte der Wind goldene Blätter über den Weg und warf sie in den See, wo sie langsam zwischen den Schwänen ertranken. Hinter uns stempelten sich die Abdrücke meiner Schuhe in den Schlamm. Wenn wir den See umrundet hatten und an den Anfang zurückkehrten, sah ich, dass inzwischen Füße, fast doppelt so groß wie meine, die Spuren gnadenlos verschluckt hatten.

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Stichwörter:
Kurzgeschichte, Patricia Koelle, Sommersilber, Liebe, Liebesgeschichte